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Die Fähigkeit zur Liebe

Eine Eigenschaft der biblischen Texte ist es, dass sie immer wieder unsere Haltungen beleuchten und dass sie unsere Haltungen und Verhaltensmuster aus einem anderen Blickwinkel betrachten und deuten. So auch heute, wenn wir den Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth schreiben hören. Paulus schreibt seinen Brief nicht an ein Brautpaar zu seiner Hochzeit, wofür dieser Text gerne verwendet wird, Paulus schreibt an eine Gemeinde, wie sie sich im Umgang miteinander verhalten kann.

Wenn wir an die Liebe denken, denken wir oft zuerst an Beziehungen. Denn die Liebe ist eine Eigenschaft, die für uns mit Beziehung, mit Freundschaft, mit Nächstenliebe zu tun hat. „Strebt aber nach den höheren Gnadengaben!“, so hören wir Paulus schreiben. Strebt nach einem Weg, den ihr in eurem normalen Alltag so nicht sehen könnt und euch deswegen meist auch anders verhaltet.

Die Liebe, die Paulus beschreibt. ist zunächst keine Nächstenliebe. Die Liebe, die Paulus beschreibt, ist eine Haltung die ich als Mensch, die ich als Individuum als Haltung annehme und als Haltung für mich im Umgang mit anderen lebe. Es ist eine Haltung, die viel mit der eigenen Wahrnehmung, die viel mit der eignen Reflexionsfähigkeit, die viel mit dem eigenen Ichsein zu tun hat.

„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.“
Paulus zeichnet Haltungen nach, die ich brauche, um selber gut Mensch sein zu können. Es sind Haltungen, welche meine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung ansprechen und die sich aus dem Umgang mit dieser Haltung entwickeln können. Nur wenn ich fähig bin, mich zu den Dingen zu verhalten, nur wenn ich fähig bin, nicht sofort reflexhaft zu reagieren, nur wenn ich fähig bin, Abstand zu meinen Reaktionsmustern zu finden, nur dann bin ich fähig, so zu lieben, wie Paulus es beschreibt.

Jetzt verstehen wir vielleicht, warum Paulus es die höheren Gnadengaben nennt. Denn in der vermeintlichen Nächstenliebe, im Spüren, wo ich helfen sollte, was der andere braucht, da sind wir oft gut und haben den anderen Menschen oft mehr im Blick als uns selbst. Paulus aber möchte unseren Blick zunächst auf uns lenken. Uns zu erkennen, mit uns umgehen zu lernen, ist weitaus schwieriger, als die Impulse zur Hilfe für andere wahrzunehmen. Bei uns und gleichzeitig beim anderen zu sein, ist eine höhere Gnadengabe.

„Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.“ Als ich ein erwachsener Mensch wurde, als ich Ich wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Im Prozess des Erwachsenwerdens legen wir normalerweise ab, was Kind an uns war. Legen wir die Ichbezogenheit ab. Legen wir das einfache Antworten ab. Legen wir das Protesthafte ab. Wir werden uns uns selber bewusst, können uns sehen und verstehen lernen, können das Bei-uns-Sein lernen. Die Liebe, die Paulus beschreibt, ist zunächst die Liebe, die mich bei mir hält, die Liebe, die mich mich selber sehen lässt, die Liebe, die mir hilft, mit mir umzugehen. Es ist keine Liebe, die mich, mein Verstehen-und-urteilen-Können übersieht, es ist eine Liebe, die zunächst mich fest im Blick und im Gefühl hat und die mich so als authentischen Menschen sehen, urteilen und handeln lässt.

Dieses Sich-Haben, dieses Sich-sehen-und-verstehen-Können, dieses Nicht-sofort-beim-anderen-Sein, das sind Gaben und Fähigkeiten, die uns so normalerweise in dieser Klarheit und Schärfe nicht gegeben sind. Diese müssen wir lernen, verstehen und üben.
Der Brief an die Korinther ist also leider kein romantischer Brief an eine Hochzeitsgesellschaft, sondern er ist eine Anleitung zu harter Arbeit an mir selbst, damit mein Zusammensein mit mir und mit anderen gelingt.

Was passiert, wenn diese Fähigkeit zur Liebe und zur Selbstwahrnehmung auf eine Umgebung stößt, die noch keine Übung und Einsicht in diese Art der Weisheit hat, sehen wir im Evangelium. Sie treiben Jesu zur Stadt hinaus, weil sie ihn nicht verstehen, weil sie seine Art zu lieben, zu deuten, zu erzählen nicht gewohnt sind, nicht gelernt haben. Sie lehnen ihn deswegen ab. „Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.“ Wenn wir einmal so handeln können, dann haben wie die höheren Gnadengaben, wie Paulus sie nennt, erkannt und verinnerlicht und können sie selbstbewusst leben.

Sascha Heinze SAC

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