„Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“
Auf was kommt es an, dass mein Leben gelingt?
Auf was kommt es an, dass mein Leben glückt, dass es ein erfülltes Leben wird?
Der Gesetzeslehrer antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken
– deinen Nächsten sollst du lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken
– dich selbst sollst du lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken.
(Lukas 10,27)
Und was sagt Jesus auf die Antwort des Gesetzeslehrer?
Ja, du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!
Ein Satz, der alles und ein ganzes Lebensprogramm umfasst:
Ein Satz mit drei Richtungen.
Gott. Der Nächste. Ich selbst.
Gottesliebe – Nächstenliebe – Selbstliebe
3 Richtungen
• Nach oben (Gott)
• Nach innen (Ich)
• Nach außen (Du)
3 Richtungen, die sich nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig stützen und befruchten:
Diese Liebe, die Jesus uns ans Herz legt, sie hat drei Dimensionen, drei Gesichter:
Gottesliebe
möchte ich umschreiben mit dem Vertrauen „sich in einem größeren Ganzen geborgen und getragen zu wissen!“
In unserer Welt im Großen und in meiner Welt im Kleinen, die oft genauso herausfordernd sein kann, soll die Gottesliebe uns/dich/mich daran erinnern:
• Du bist nicht allein.
• Fürchte dich nicht. 365 x steht es in der Bibel!
• Du darfst dich gehalten wissen.
• Ich bin gewollt, geliebt, getragen.
Gottesliebe nicht als Pflicht verstanden, sondern vielmehr als Verankerung und Halt im Leben:
„Ich sehe mein Leben eingebettet in etwas Größeres, in einen göttlichen Urgrund, in ein unergründliches Geheimnis, dass wir Gott nennen.“
Jesus erklärt sein Gottesbild nicht abstrakt, sondern in vielen Gleichnissen, bildhaften Vergleichen, Geschichten und unterschiedlichen Bildern aus dem Alltag.
Er spricht von Gott wie von einem liebenden Vater oder einer liebenden Mutter, die sich um ihre Kinder fürsorglich kümmert und sorgt.
Denkt z.B. an das Gleichnis vom Guten Hirten (Joh 10) oder an die Erzählung vom Barmherzigen Samariter oder an das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15) – Gott wie ein liebender Vater, der seinen verlorenen Sohn bedingungslos liebt, ohne Vorwürfe wieder aufnimmt, ihm schon weiten entgegenläuft, ihm vergibt und ein Freudenfest feiert, weil er wieder da ist.
Gott lädt Menschen ein, Gemeinschaft mit ihm zu haben.
Jesus zeichnet und verkündet Gott nicht in erster Linie als strengen und unbarmherzigen Richter, sondern vor allem als liebenden, barmherzigen, geduldigen und einladenden Gott, der den Menschen nahe sein will.
Ja als einen Gott mit uns – für uns und – in uns.
Gott in uns
Wenn es wahr ist und wir daran glauben, dass wir ein Tempel Gottes sind und Gottes Geist auch in uns wohnt,
wenn es wahr ist, dass wir alle einen göttlichen Funken, eine heilige Geistkraft in uns tragen,
wenn es wahr ist, dass in uns allen, in unserem Urgrund, in unserer Seele, in unserem Herzen ein göttliches Licht brennt, das uns immer mehr auf den Weg zu unserem wahren Selbst, zu einem Leben in Fülle führen und stärken will und jede und jeden einzelnen von uns zu ihrer und seinen wahren Bestimmung begleiten und entfalten will, zu dem was dich, was mich zu einem einmaligen und unverwechselbaren Menschen macht,
dann führt uns diese Wahrheit zur recht verstandenen und gelebten Selbstliebe.
Selbstliebe
Bei dieser Selbstliebe geht es nicht um einen falsch verstanden Egoismus oder Narzissmus, sondern um eine gesunde Liebe zu sich selbst.
Für viele von uns schwerer als man denkt.
Wir leben in einer Zeit des Vergleichens:
• Andere sehen besser aus.
• Andere sind erfolgreicher.
• Andere schaffen mehr.
Manche von euch kennen das wahre Sprichwort: „Wenn du unglücklich werden willst, vergleiche dich mit anderen.“ oder wie Sören Kierkegaard einmal gesagt haben soll: „Der Vergleich mit anderen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“
Echte Selbstliebe bedeutet auch:
• Die eigenen Grenzen kennen
• NEIN sagen dürfen.
• Für sich selbst und für sein Leben Verantwortung übernehmen
Selbstliebe kann heißen:
• Für sich gut sorgen, wie eine liebende Mutter oder ein liebender Vater für ihr Kind.
• Fehler machen dürfen.
• NEIN sagen dürfen.
• JA sagen dürfen zu meinen Bedürfnissen.
• Meine Träume, meine Visionen in mir wahrzunehmen, ernst nehmen und dem Ruf meines Herzens folgen.
• Ehrlich und wahrhaftig in den Spiegel zu schauen,
• aber auch barmherzig und liebevoll mit sich sein und mit sich selbst umgehen.
Unterwegs sein im Namen Jesu heißt: Du musst nicht sein wie die anderen! Die Welt, sie braucht Originale und keine Kopien.
Sehr bekannt ist die Geschichte von Sussja, dem großen chassidischen Meister, der weinend auf dem Totenbett lag. Seine Schüler fragten: „Rabbi, warum bist du so traurig?“ Und Sussja sagte: „Ich habe mich mein ganzes Leben lang immer mit anderen verglichen. Aber in der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mosche gewesen? Man wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht David gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht einmal Sussja gewesen?“
Nächstenliebe
So ruft und beruft uns und braucht uns Gott heute auch in unserer Unterschiedlichkeit, um diese Welt ein Stück „himmlischer“ zu machen.
In Erinnerung an die Goldene Regel in der Bergpredigt wo es heißt: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12) oder anders und sprichwörtlich ausgedrückt: „Was du nicht willst, dass man dir tut, dass füg auch keinem anderen zu.“
Um hinauszugehen in die Welt und wie Jesus sagt, das Evangelium zu verkünden.
Bringt allen die Frohe Botschaft.
Seid „Brot für das Leben“, „Licht für die Welt“ und „Salz der Erde“.
Bischof Klaus Hämmerle formulierte die Vision und das Herzstück der Lehre Jesu so:
„Wir Christen sind nicht (nur) dazu auf Erden, um einst in den Himmel zu kommen, sondern dass der Himmel schon jetzt zu uns kommt.“ (Bischof Klaus Hämmerle)
Die Welt soll durch uns, durch jede und jeden einzelnen von uns „himmlischer“ werden.
Es geht darum, mitzuwirken für ein Leben in Fülle – für eine Welt, die durch uns und mit uns wahrhaftiger, gerechter, liebevoller, barmherziger, friedvoller … „himmlischer“ werden soll.
Amen
Otto